MonatMärz 2017

Fremde Leben festhalten

Im Zuge des demografischen Wandels verspüren offenbar immer mehr Menschen das Bedürfnis, ihre Autobiografie schreiben zu lassen, die Erfahrungen und Erlebnisse ihres Lebens vor dem Vergessen zu bewahren. Hilfe erhalten sie dabei von so genannten Autobiografikern – Autoren, die sich auf das Verfassen von Lebensgeschichten spezialisiert haben. In der von der Publizistin Katrin Rohnstock gegründeten Firma Rohnstock Biografien werden spezielle Fertigkeiten vermittelt, um das Erlebte in eine Erzählung umzuwandeln, fremde Leben festzuhalten. Aber wie findet man Worte, die der jeweiligen Person entsprechen? Was sind das für Menschen, die aus ihrer Biografie ein Buch machen wollen? Diesen Fragen geht ein Feature nach, das ich für den SWR geschrieben habe. „Fremde Leben festhalten – Der Beruf des Autobiografikers“ läuft am 21.05. um 10:05 auf SWR2.

Jahrgang 1964

Wer 1964 in Deutschland das Licht der Welt erblickte, konnte sich über einen Mangel an gleichaltriger Gesellschaft nicht beklagen. Mehr als 1,3 Millionen Mal hallte Säuglingsgeschrei durch die Kreißsäle in Ost und West. So viele Nachkommen zeugten die Deutschen noch nie und nie wieder. In diesem Jahr werden die Babyboomer fünfzig. Aber wer sind sie, wo stehen sie, was macht sie aus? Welche Ereignisse und Erlebnisse waren wichtig für das politische Denken, Handeln und die Persönlichkeitsentwicklung der 64er? Ein Rückblick mit Angehörigen meines Jahrgangs auf fünfzig Jahre, in denen die Alterspyramide auf den Kopf gestellt wurde, Mauern fielen und Zwillingstürme einstürzten. „Eine politsche (Auto-) Biografie der 64er“ läuft am 17.02. um 19:30 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

Die Störung oder Wie Beckett die Maulwürfe vergiftete

Foto: Roger Pic

lautet der Titel einer Hörspielbearbeitung, die Matthias Baxmann und ich vorgenommen haben. Vorlage war die wunderbare „Tubanovelle“ von Rainer Wieczorek, in der ein einsamer Essayist um einen originären Zugang zum Werk Samuel Becketts ringt. Als ein Tubaspieler im Haus gegenüber seine Stücke zu proben anfängt, wird der Essayist zu einem Leidensgenossen Becketts, der in seinem Refugium auf dem Lande unter entsetzlichen Schreibhemmungen litt. Nach dem ersten Schock über die unerwartete Störung beginnt eine Auseinandersetzung mit der Störung im künstlerischen Schaffensprozess. Rainer Wieczoreks ironisch-reflektierende Künstlernovelle wird in der Hörspielbearbeitung zu einem monologischen Kreisen in Gedankenschleifen, zu einem Dialog mit einem Instrument, der Tuba. Auf MDR-Figaro läuft am 8. Dezember um 18 Uhr die Ursendung des Hörspiels.

42 Tage

So lange dauert ein Residenzstipendium, das alljährlich von der Vereinigung der 42er Autoren vergeben wird und mich im Sommer ins brandenburgische Mansfeld (bei Putlitz) führte. Sechs Wochen Romanklausur in der Prignitz – hier ein Bericht.

Zwillinge

Ein sehr persönliches Feature läuft am 13.03. um 10:05 Uhr auf SWR2. Es geht um „Das Leben von und mit Zwillingen“. Das Zwillingsdasein ist ein Lebensthema. Eltern können Zwillingskinder auf bestimmte Erfahrungen bestenfalls vorbereiten. Sie wissen nicht, was es heißt, mit einem lebenden Spiegelbild aufzuwachsen, vieles miteinander zu teilen oder teilen zu müssen und von der Umwelt als Doppelpack wahrgenommen zu werden. Stimmt es tatsächlich, dass eineiige Zwillinge, auch wenn sie getrennt voneinander aufwachsen, ähnliche Berufe ergreifen, gleiche Vorlieben und Lebensstile entwickeln? Fragen nach Identität und Individualität rufen auch die Wissenschaft auf den Plan. Vor dem Hintergrund steigender Zwillingsgeburten erzähle ich von Erfahrungen und Beobachtungen als Zwillingsvater und lasse Zwillinge, Zwillingseltern und Zwillingsforscher zu Wort kommen.

Dritte Generation Ostdeutschland

Zur Dritten Generation Ostdeutschland gehören die Geburtsjahrgänge 1975 bis 1985, immerhin 2,4 Mio. Menschen. Die Werte der Elterngeneration haben auch die Wendekinder geprägt, die nach ’89 in einer grundlegend veränderten Gesellschaft groß geworden sind. In dem Feature „Die Dritte Generation Ostdeutschland – Wie aus DDR-Kindern BRD-Bürger wurden“, das ich für den RBB geschrieben habe, ist zu hören, wie diese Generation die durch Wende und Wiedervereinigung entstandenen Veränderungen erfahren hat und was sie heute über Herkunft, Identität, Vergangenheit und Zukunft denkt.
Die Sendung läuft am 6. Oktober um 9:05 zeitgleich im RBB Kulturradio und bei MDR Figaro.
Außerdem gibt es am 1. Oktober um 19:00 Uhr eine öffentliche Premiere im ARD Hauptstadtstudio mit Andrea Hanna Hünniger, Hans-Joachim Maaz, Wolfgang Engler und Johannes Stemmler

Literatur und Prekariat

In London liegen die Penner inzwischen quer auf den Gehsteigen, als kleine Hürde für die Passanten im Strom ihrer alltäglichen Verrichtungen, weiß die Schriftstellerin Katharina Hacker zu berichten. Auch hierzulande werden die Verhältnisse prekärer, nicht nur in der Unterschicht, auch unter den hochgebildeten Freiberuflern, die Helmut Kuhn in seinem Roman „Gehwegschäden“ beschreibt. Clemens Meyer zeigt, wie man mit Würde am Rand agiert, und schafft dabei romantische Helden, Nachtgestalten wie in amerikanischen B-Movies. Thomas Melle erzählt von krank machenden Arbeitsverhältnissen, die Hippster in „Sickster“ verwandeln. Annett Gröschners vielköpfiges Personal in „Walpurgistag“ wird aus dem Untergrund vertrieben, von der Gentrifizierung eingeholt und beweist einen erstaunliche Widerstandsgeist. All das und mehr in dem Feature „Meine Armut kotzt mich an – Literatur über das prekäre Leben“, das ich gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin, Journalistin und Bloggerin Elke Brüns geschrieben habe. Deutschlandradio Kultur, 22.Juli, 0:05 Uhr

Krähnack

Das Deutschandradio hat mich gebeten, ein paar Schauplätze aus „Das Kreuz von Krähnack“ abzuklappern. So waren wir unterwegs in Brandenburg und Mecklenburg, kletterten über das rostige Tor eines ehemaligen Tanklagers der russischen Streitkräfte, beteten mit Mönchen und Nonnen in einem buddhistischen Kloster und begutachteten ein mecklenburgisches Dorf, in dem schon seit über sechzig Jahren schwäbisch gesprochen wird. Die Sendung der Reihe „Deutschlandrundfahrt“ läuft am 10.12. um 15:05 Uhr.

Die Brüder Brasch

(c) Manfred Ortmann

zum 10. Todestag von Thomas Brasch wird das Feature „Die Brüder Brasch – eine deutsche Geschichte“, das ich 2003 fürs Deutschlandradio geschrieben habe, im Kulturradio des RBB wiederholt. Sendezeit: 16. Oktober, 14:04 – 15 Uhr.
Thomas Brasch starb am 3. November 2001 im Alter von 56 Jahren an Herzversagen. Nur wenige Monate zuvor, im Juli 2001, wurde Peter Brasch in seiner Wohnung tot aufgefunden. Thomas und Peter Brasch waren Söhne eines kommunistischen jüdischen Emigrantenpaares, das während der Nazi-Diktatur nach England emigriert war. 1976 reiste Thomas Brasch gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Katharina Thalbach in den Westen aus. Dort erschienen seine viel beachteten Erzählungen „Vor den Vätern sterben die Söhne“. Sein Bruder Peter stellte ebenfalls einen Ausreiseantrag, der jedoch abgelehnt wurde. Weggefährten, Freunde und Verwandte wie die Schauspielerin Katharina Thalbach, die Schwester Marion Brasch und der Schriftsteller Bert Papenfuß erzählen von Peter und Thomas Brasch, von ihrem politischen Engagement, von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen – von ihrem Leben, das so eng verknüpft war mit der deutschen Geschichte. ?

Streetwise

Mick Fitzgerald, der mit seiner Story „Der Kreislauf des Geldes“ einen schönen Schlussakkord für die Rock’n’Crime-Stories geliefert hat, ist nicht nur ein wunderbarer Geschichtenerzähler, sondern auch Schauspieler und ein großartiger Singer/Songwriter. Von Letzterem kann man sich auf seiner neuen CD „Streetwise“ überzeugen. 13 Songs, die er gemeinsam mit dem Bacha Trio eingespielt hat. Darin geht es u.a. um Martha, den Stolz von Inchicore, den letzten eisenharten Pub-Balladensänger und eine Uhr, unter der sich in Dublin die Liebenden treffen. In dem Song „Fly“ (hier hörbar) kündigt ein mythischer Ballon am Neujahrsabend des Jahres 1800 ein neues Zeitalter an: „Can you imagine a poor man milking his cows in the middle of nowhere at the start of the 19th century an seeing a large balloon with people in it passing overhead in a clean sky? He would have told nobody and never drank again.“ (Mick Fitzgerald)
Das Album kann man hier bestellen. Oder einfach per Mail: kasnaujo@gmx.de.